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Münchner Stadtteile: Null Problembezirke

Hamburg hat Wilhelmsburg, Frankfurt das Gallusviertel, Heidelberg den Emmertsgrund und Mannheim Teile der Neckarstadt West. Man muss nicht in diesen Stadtteilen gewesen sein, damit es klingelt. Ein bedenklicher Ruf eilt den Stadtbezirken voraus. Von Kriminalität, Rotlicht und zwielichtigen Leuten ist die Rede. Schauerliche Geschichten kursieren um diese kleinen Inseln des Schreckens. Kaum gibt es Meldungen über diese Stadtbereiche, die nicht negativ angehaucht sind. Die Bürgermeister sprechen meist über die Bekämpfung der Probleme, die Nachrichten melden Überfälle und Morde. Abschreckend wird ein Bild gezeichnet, das einem auf Wohnungssuche wieder entgegen schlägt. Was davon dann in der Realität haltbar ist, bleibt fraglich. Fast keine deutsche Großstadt hat nur einen Problembezirk. Denkt man gerade an Berlin, gibt es auch zwei oder drei.

Sucht man jedoch in München eine Wohnung, zeichnet sich ein anderes Bild ab. Naiv spitzt man im Vorfeld seine Ohren, um das Stadtklima herauszuhören. Bei Freunden, Bekannten und Familie zapft man die Erfahrungswelt an. Wohlwollende Klänge schallen zurück. Negative Kommentare betreffen ausschließlich das etwas Kleinbürgerliche an München. Große Warnschilder von welchen Wohnbereichen man sich auf jeden Fall fernhalten soll, bleiben aus. Rosig wird einem die aufgeräumte, sichere, aber durchaus junge Maxvorstadt empfohlen. Etwas gediegener stellt sich Schwabing da und ganz hip und modern zeigt sich das Glockenbachviertel in der Ludwigvorstadt-Isarvorstadt. Geht es Richtung Osten überzeugt das Kulturviertel Haidhausen mit kleinen Gassen und vielfältigem gastronomischen Angebot. Familienfreundlicher und entspannter zeigt sich das östlich der Isar gelegene Bogenhausen. Zwischen Balkonpflanzen und Gartenzwergen ist hier die Welt noch in Ordnung. Im Westen Münchens überraschen die Au, Laim und Pasing keinesfalls mit Schauernachrichten. Hier herrscht Münchner Alttags-Idylle.

Nun könnte man die Liste noch ewig fortführen und würde nach langer Suche nur bei einem nennenswerten Problembezirk landen: Neuperlach*. Jener Münchner Stadtteil, der 1967 auf einer „grünen Wiese“ aus dem Nichts gestampft wurde. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders in den 60ern wurden die großen Wohnkomplexe zügig hochgezogen. Die Satellitenstadt sollte für über 70.000 Menschen für Wohnungsentlastung sorgen – heute sind sie die Sorgenkinder. Ein achtseitiger Ring aus Wohnhäusern, der bis zu 18 Stöcke in den Himmel ragt, sollte das Herz des neuen Bezirkes bilden. Umschlossen würde der Ring durch eine geöffnete Gebäudespange. Innerhalb des Wohnrings wäre vom Schwimmbad, Einkaufspassagen bis zu Restaurants für alles gesorgt. In der Folgezeit wurde nur ein Bruchteil der Planung umgesetzt. Geldnöte und Olympia 1972 grätschten dazwischen. Das größte westdeutsche Siedlungsprojekt nach dem zweiten Weltkrieg besteht heute in seiner verkappten Version als eigenständige kleine Stadt in der Stadt. Isoliert vom Rest Münchens leben etwa 55.000 Menschen in einem kleinen Mikrokosmos. Überalterung und ein hoher Anteil von Drogen- und Jugendkriminalität sind die momentanen Herausforderungen des Bezirks.

*Nach der Veröffentlichung dieses Beitrags wurde mir angetragen, dass das Hasenbergl ebenfalls als Münchner Problembezirk gilt. Um mir selbst ein Bild zu machen, habe ich einen Spaziergang durch den Bezirk unternommen. Hier zum Nachlesen.

7 Kommentare

  1. Pingback: Zeit inne zu halten: Gedanken zum Jahresende in München | nicihood

  2. Die Messestadt ist auf dem besten Wege, so etwas wie ein „Problembezirk“ zu werden.
    Das ehemalige Flughafengelände wurde/wird sehr eng bebaut. Die einzige Grünfläche ist der Riemer Park, Gelände der grandios geflappten BUGA 2005.

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    • Oh Danke! Das lese ich mir gleich durch. Will das Wochenende vll mal raus fahren und mir selbst ein Bild machen. Das ist schon ein verrücktes Projekt und passt so gar nicht nach München. Hast du darüber auch schon geschrieben?

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