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Briefe aus Afrika – Weisser Sonntag 1954

PAX

Windhoek-Weisser Sonntag 1954

Meine liebe Schwester!

Heute ist strahlender Sonnentag! Tiefblauer Himmel! In Gedanken bin ich viel bei Euch daheim.Hier gibt es keinen Weissen Sonntag. In Mainburg ist heute Festtag. Ich freue mich mit den Lieben dort. Vielleicht bist du Selber dabei. Ein Festgruss ging rechtzeitig ab. Auch Lenz habe ich geschrieben. Vernachlässigt soll niemand werden, Ihr steht mit alle gleich nahe.

Aus den bisherigen Berichten kannst Du Dir ja ein Bild machen über mein „Abenteuerleben“. Und ich fühle mich so froh und frei dabei! Nie hätte ich gedacht, so schnell in die dauernd sich ändernden Verhältnisse mich einschwingen zu können. Ich bin mit der ersten Stunde in jedem unserer Häuser daheim, wirklich daheim. Manchmal frage ich mich, wie das ob der „schollegebundenen Herkunft“ sein kann. Die rechte Antwort bekomme ich in dem Ja zu dem Wege, der der Herrgott eben für mich bestimmt hat. Ich kann und will nicht anders, als in Bereitschaft Seines Willens zu stehen! Ungeahnte Kraft macht das frei. Und Wachsein für den Augenblick. Ein so volles Leben und reiche Tage sind mir angeboten! Neue Dimensionen in der Natur- und Geisteswelt tun sich auf, dem man als unscheinbares Nichts gegenübersteht. Ich bin manchmal ganz überwältigt von diesem Grossen allein. Freilich, wenn ein fester Standpunkt fehlt, ist der Mensch ausgeliefert diesen starken Wellen von aussen her. Darum ist auch viel „Strandgut“ anzutreffen. Der Herzschlag der Menschheit ist der Gleiche: Verlangen nach Glück, nach Frieden. Auch die Wege dazu sind die gemeinsamen: Besitz, Ehre, Vergnügen, d.h. Das Verlangen danach, weil sie als Inbegriff des Glückes angesehen werden. Sind wir nicht alle Sucher? —

Als „Laie“ habe ich meine Nase schon in manchen Krankenbetrieb gesteckt. Das heisst es umdenken, namentlich, wenn man ein Hospital für Eingeborene unter die Lupe nimmt. Die letzten Jahre hat die Regierung stark aufgebaut, so dass jetzt in einem Teil derselben Ordnung herrscht. Das Windhoeker umfasst mehrere Häuser und einige hundert Betten. Regierungsärzte betreuen sie und ein paar afrikanische Krankenschwestern. Viele Operationen, Malaria, Syph. Daneben ist eine Irrenanstalt. Die Ärzte verlangen hübsch von den Patienten z.B. für einen Blindarm 30 Pfund = etwa 360 DM, dazu kommen dann noch die Krankenhauskosten. Besonders die Burenärzte haben ihre eigene Behandlungs- u. Kostenmethode. Ich hab es in einem unserer Krankenhäuser gesehen, wie so ein Anfänger schon abends 9 Uhr zur Visite erschien und dann meinte, er müsse doch zuerst seine „Weinstube“ haben. Die Ärzte sind nicht fest angestellt, aber fordernd und mit Kokurrenzneid. Die paar deutschen Ärzte sind brauchbar. Die Buren sind ein eigenes Volk, schwer zu haben und in ihrer Haltung schlimmer wie die Schwarzen. Die ganze Familie kommt da bei einem Kranken, bleibt im Zimmer und vor der Türe hocken. Dabei so unordentlich. Die Schwestern haben ihre liebe Not damit. Viele sind starke Trinker. Das ist überhaupt ein Laster hier. Die Eingeborenen machen das alles grenzenlos nach. In den Werften ist das besonders schlimm, das sind die eingeborenen Viertel am Rande der Städte. „Strandgut“ könnte man sagen.

Südwest soll, was Kultivierung uns Missionierung betrifft, das rückständigste Land Afrikas sein. Die Schule führt wohl bis Standard 8, inhaltlich aber nur bis zur mittleren Reife, mehr als ein Drillen und Einpauken als geistiges Arbeiten. Sonst hat man hier das Empfinden, in ziemlich deutscher Umgebung zu sein. Die Hauptsprache ist deutsch, neben Englisch und afrikans. Nun sitze ich in Klein-Windhoek. Hier helfen die Schwestern mit in der Betreuung eines kath. Schülerheimes. Etwa 35 frische Kerle hausen hier, meist Farmerssöhne, die bis 1000 km von daheim weg sind. Eine frische Schar! Der Pater sagte, dass die Buben grosse Minderheit sind und nur drei kath. Schüler in Windhoek in anderen Heimen wohnen. Er freut sich natürlich seines Erfolges, wenn es auch Kleinarbeit ist. Dabei ist noch ein grosser Weinberg und Orangenplantage. Das sollst Du jetzt sehen können! Goldgelb hängen die Früchte daran. Hier soll es kein gutes Jahr sein, weil der Dezemberhagel viel verdorben hat. Du kannst Die denken, dass ich nicht sparsam bin. Ringsum etwa 200 m hohe Berge. Schönes Fleckchen Erde! Auf meinem Tisch duften echte Veilchen und Schneeglöckchen. Sie blühen nach dem heimatlichen Gesetz, obwohl es hier dem Herbst zugeht. —

Herzlichen Dank für Deinen lb. Brief. Du hälst mich schön im Laufenden.
Lieben Gruß,

Deine Schwester Lintrud

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