briefe aus afrika
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Briefe aus Afrika – Dezember 1969

Casa Santo Spirito
Via dei Colli 4
00046 Grottaferrata (Roma) – Italia

Grottaferrata, 14. Dezember 1969

Ihr Lieben alle!

In diesem Jahr soll der Weihnachtsgruss einmal rechtzeitig kommen. Wegen der vielen Streikswellen ist es ohnehin ratsam, früh genug zu schreiben. So wünsche ich Euch allen zusammen und jedem einzelnen ein recht gesegnetes und schönes Weihnachtsfest im Kreise der Familie, und für 1970 auch alles Gute: den Segen und Schutz und Beistand Gottes für alles, was da kommen wird und kommen mag. Mit Gott und gegenseitiger Hilfe werdet Ihr wieder alles schaffen und tragen können. 365 Tage schliessen vieles ein, Angenehmes und weniger Erfreuliches, Geplantes und Unerwartetes. Wenn Ihr wie bisher, alles wieder im Namen Gottes – dem Wahlspruch unserer guten Eltern – angeht und anpackt, dann wird es ein gutes Jahr werden. Ich schenke Euch dazu ein tägliches Gebetsgedenken und wollen uns gegenseitig diese Hilfe tagtäglich aneinander von Familie zu Familie schenken; namentlich auch alle Kinder, Nichten und Neffen und Enkelkinder einschliessen. Gerade unsere nachwachsende Generation – und sie ist ziemlich zahlreich – braucht diese Hilfe neben dem verstehenden Wort und der vorgelebten Haltung. Also, so wollen wir es halten und wieder füreinander da sein in guten und harten Tagen!

Dann wünsche ich Euch allen eine ruhige Zeit die Wintermonate hindurch. An Arbeit wird es trotzdem nirgend fehlen, und das ist gut so. Die Arbeit gehört zu unserem Leben wie das tägliche Brot, und das schmeckt mit Abstand doch jeden Tag wieder neu.

Hier ist der Winter schon milder. Aber wir hatten vorzeitig schon einmal etwas Schnee und gefroren ist es morgens meistens. Heute allerdings schickt es sich zum Regen an. Unsere Urlauberinnen aus Amerika, Brasilien und Afrika lassen sich aber nicht abhalten und ziehen los in die Heilige Stadt. Unser Kreis ist zwar klein, aber dafür umso bunter und ein ständiger Wechsel auf internationaler Ebene. Früher habe ich schon einmal geschrieben, dass wir in Rom selber, etwa so 8 km von St. Peter entfernt, ein neues Haus bauen, weil das hiesige nun einmal in keiner Hinsicht mehr entspricht. Wir wollten gerne an Weihnachten umziehen, aber es zieht sich noch einmal in die Länge. Durch die vielen Streiks sind wirklich Wochen verloren gegangen. Ja, wenn die Leute nur etwas davon hätten! Die Arbeiter haben nur das Nachschauen, weil ihnen diese Tage abgezogen werden. Die sozialen Verhältnisse sind wirklich nicht gut, und der Stadt kommt und kommt zu keinen Entscheidungen und entsprechend Massnahmen. Dafür ist die neue deutsche Regierung umso splenditer, was allerdings fast mit einem Fragezeichen zu versehen ist – nach meiner Ansicht.

Kommenden Herbst trifft unser Generalkapitel, und Ihr könnt Euch denken, dass wir hier mit der Vorbereitung auch genug zu tun haben. Es sind uns über 1400 Schwestern in 4 Erdteilen, und da ist schon etwas los in heutiger Zeit. Wir sind im Zeitalter der Änderungen und Neuerungen und auch Erneuerungen. Ein wenig werdet Ihr es auch erleben; ebenso den Unterschied zwischen den Generationen im Denken, Urteilen und der Einstellung zu den Lebenswerten. Wir Älteren müssen auf die Jüngeren hören können und sie zu verstehen suchen, und Ihr Jüngeren und Jüngsten sollt das ebenso halten, weil Ihr vorläufig noch „auf Kredit“ lebt, wie der fortschrittliche holländische Kardinal Suenens vor kurzem geschrieben hat. Habt Ihr übrigens eine Ausgabe des holländischen Katechismus im Haus? Ich habe ihn ziemlich genau angeschaut und viele gute Ansätze gefunden für die sog. Erwachsenenbildung. Denn es stimmt schon, dass wir da mehr ansetzen müssen als bisher, weil heute so ziemlich alles in Frage gestellt wird. Lasst Euch aber nicht Sand in die Augen streuen. Ohne Glaube, Selbstbeherrschung und Ehrfurcht geht es auch heute nicht.

Noch ein Sondergruss für Euch alle! Wie geht es allen und namentlich den jungen Familien? Es hat mich sehr gefreut, dass Maria und Karl-Heinz mich über die Hochzeit benachrichtigt haben, und noch mehr würden mich nähere Mitteilungen freuen, damit ich mir einigermassen vorstellen kann, wie es geht und steht. Das ist schon eine grosse Aufgabe für Mama und Papa, wenn in einem Jahr gleich zwei Kinder sich selbstständig machen. Schickt nach Möglichkeit diesen Brief auch an Ursula weiter, oder sie kommt vielleicht so über die Festtage einmal zu Besuch. Hat Karl nun den DOKTOR gebaut? Dann herzliche Gratulation, und hoffentlich geht es Ursula gesundheitlich wieder besser. Mit Tante Kathel in Karlsruhe ist die die Verwandtschaft aus Bayern etwas nähergerückt. Zu Besuchen wird sie freilich nicht viel Zeit finden, denn sie ist bis über die Ohren mit Arbeit eingedeckt. Es geht allen Berufstätigen so, das wisst Ihr auch aus Erfahrung. Hoffentlich ist die kleine Ware wohlauf, d.h. es werden ja so ziemlich alle schon schulpflichtig sein.

Nun nochmals alles Gute und allen Segen!
Eure dankbare

Schwester Lintrud K.

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