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Die Wiesn: ein Fest der Paradoxa

Da hängt er nun in seiner vollen Pracht. Wird bewundert und von den Wiesn-Gästen angestaunt, der Mattl. Sein stolzes Gewicht von zehneinhalb Zentner prangt in der Ochsenbraterei groß auf einer Tafel – eine Art letzte Ehre. Ein Bulle wird aus seiner Anonymität gerissen und bekommt ein persönliches Gesicht. Irgendwie löblich bei der Masse an Tieren, die über den Oktoberfest-Tresen gehen. Wie schnell die tausend Wiesn-Bedienungen mit ihren starken Armen die großen Platten mit Fleischtellern über ihren Köpfen balancieren – eine nach der anderen – so schnell wird die Tafel auch wieder leer gewischt und mit Kreide neu beschrieben. Neuer Ochs auf dem Grill, neuer Name auf der Tafel. Ganz schön paradox diese Oktoberfest-Zeit. Ein Fest der Superlative scheint in der Öffentlichkeit als traditionelles Volksfest. Gar heimelig fühlt sich die Wiesn an. Eigentlich nur auf das Areal der Münchner Theresienwiese reduziert, ist es inzwischen ein Weltfest.

Die Marke Oktoberfest ist kein Münchner Kind mehr, sondern expandiert in alle Herren Länder. Von den amerikanischen Staaten bis hin zum asiatischen Ableger. Der in der bayerischen Landeshauptstadt geborene Volksfest-Mythos findet sich inzwischen sogar in den kleinen deutschen Dörfern. Eins zu eins werden die Kulissen und Klischees kopiert. Die ewiglich gleich bekannten Melodien der Wiesn-Musik schallen aus den Boxen der Dorfzelte. Helenes „Atemlos“ wird nur von Hubert von Goiserns „Brenna tuats guat“ übertönt. Die Stimmen überschlagen sich beim mitsingen. Auch wenn die Masse kein Wort des Textes versteht, ist die Atmosphäre mitreißend. Was in München für die Welt funktioniert, klappt auch auf dem Ländlichen für das Heimatdorf. Solange das kühle Bier fließt, ist die Stimmung schunkelig gut.

Und obwohl 112 Ochsen und 48 Kälber auf der Münchner Wiesn verschlemmt wurden, steht an der Theresienwiese immer noch die einsame Kerze für eine wild gewordene Kuh. Eine kleine Flamme für ein Tier, dass die Freiheit wollte. Ausgebüxt aus dem Schlachthof an der Zenettistraße versuchte die Kuh ihrem Schicksal zu entgehen und wurde letztendlich doch niedergestreckt. Das Kuh-Drama schlug in München hohe Wellen und löste bei so einigen Trauer aus. Blumen und Kerzen schmückten die Stelle ihrer letzten Stunde. Paradox.

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