zwischenmenschlich
Kommentar 1

Zeit für ein Fazit: München ist mutig, Herz zu zeigen.

Genau heute vor zwei Jahren bin ich nach München gekommen. Ohne große Erwartung und Mitten in meiner Masterarbeit habe ich hier in der Alpenmetropole meine Zelte aufgeschlagen. Im Gepäck waren neben Ungewissheit vor allem Skepsis. Was ist das für eine Stadt, in der so viele Kuriositäten gepflegt werden? Wo es Punkte auf dem Boden gibt, welche anzeigen, wo man beim Kaffeetrinken sitzen darf. Wo es auf den ersten Blick ganz schön mürrische Einwohner gibt, die eigentlich kein großes Interesse an Fremden haben.

Und ich muss zugeben, es fiel mir schwer. Schwer mich zurecht zu finden. Schwer Regeln zu akzeptieren, die mir eigentlich immer noch unklar sind. Disziplin, die sich überall im Münchner Leben zeigt, scheint mir fremd. Und gerade weil ich in einer sehr weltoffenen Stadt und Bürgergemeinschaft gelebt habe, wog der Kontrast umso schwerer. Hier wurde man nicht direkt beim Bäcker wiedererkannt und gegrüßt. Hier hatte man nicht sofort das Gefühl willkommen zu sein – im Gegenteil. Die Polizei zeigt sich hart und die Herzen der Münchner auch. Das dachte ich zumindest teilweise.

Und gerade deshalb bin ich dankbar und glücklich immer wieder im Kleinen vom Gegenteil überzeugt worden zu sein. In 24 Monaten hier in München haben sich so einige Menschen ganz schön tief in mein Herz gedrängt. Ganz unscheinbar und leise: die Bäckerin am Karstadt, die mir heimlich Quarkbällchen zusteckt oder an der Augustenstraße, die ganz offen von ihrem Lebensschicksal erzählt. Vor allem die Menschen, denen man so ganz nebenbei begegnet, haben doch eine große Wirkung. Zur Putzfrau in der Agentur oder zur gehörlosen Kollegin, mit der ich nur per Lächeln rede, hält sich der Kontakt. Und dann sind noch die vielen, vielen anderen ganz wunderbaren Freunde. So von Monat zu Monat haben sich in diesen zwei Jahren in München Freundschaften gebildet. Wenn ich so zurückblicke, macht es mich glücklich, dass sich gerade diese Menschen in mein Leben verirrt haben. Wie schön.

So schön und auch berührend wie die letzten Wochen. Neben den kleinen Begegnungen hat München vor allem im Großen meinen Respekt gewonnen. Die Art – so unkonventionell und selbstverständlich – wie sich die Hilfe in den letzten Wochen gezeigt hat, ist beispiellos. Schon bei den Kundgebungen gegen die Pegida hat sich der wahre Charakter der Stadt gezeigt und nun noch in einem viel größeren Maße bestätigt. Von allen Ecken konnte ich spüren, wie die Hilfsbereitschaft steigt. Jeder wollte ein Teil einer Münchner Bewegung für das Gute werden und Flüchtlinge willkommen heißen. In keinem Gedanken herrschte die Zier, dass es falsch wäre genau das zu tun. Und wann erlebt man es, dass Polizei und Antifa am Bahnhof Hand in Hand dem Zeichen #refugeeswelcome Leben einhauchen.

So kann ich doch nun nach zwei Jahren ein gutes Fazit ziehen. Die Stadt war und ist niemals einfach, hat Ecken und Kanten. München ist charakterstark und gerade deshalb mutig, wenn es darum geht, Herz zu zeigen.

1 Kommentar

  1. Pingback: Als ich vom Jahrhundert-Winter träumte | nicihood

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s