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nici taucht ab

Einfach mal abtauchen. Gefühlt bin ich immer erreichbar, immer in Kontakt. Auf den unterschiedlichsten Kanälen führt eine Verbindung zu mir. Gerade durch meinen Job bin ich ständig vernetzt – persönlich oder digital. Freunde und Familie, alle finden einen Weg. Und das ist schön. Ich bin gerne in Kontakt. Am liebsten persönlich und da das nicht immer geht, schätze ich die virutellen Möglichkeiten. Ob mal schnell `ne Kurznachricht oder ausführlich ins Herz, alle Nachrichten sind mir lieb. Aber gerade deshalb tauche ich hin und wieder gerne ab.

Einfach so. Weg. Nicht erreichbar, nicht greifbar. Die Menschen um mich kennen das und verzweifeln. Manchmal. Aber sie wissen auch, dass ich wieder auftauche mit Kraft und noch mehr Wirbelideen. Der wohl beste Ort abzutauchen, ist der Geburtsort meiner Mutter: kein Netz, keine Handyempfang. Einfach digitale Stille. Früher empfand ich es als „normal“ offline zu sein. Wenn man dorthin fuhr, hat man immer jemand Bescheid gegeben – man weiß ja nie. Heute ist es eine Oase. Die Rückständigkeit hat etwas Wohltuendes. Alle sind entspannt, machen sich nichts über die neusten Tweets, die neuesten Videos. Festnetz ist König. Und in der Tat, kann ich diese Festnetznummern aus dem Stehgreif auswendig. So selten heutzutage.

Abtauchen in München? Ist manchmal einfach, wenn man in die Menge geht und beobachtet. Manchmal superschwer, weil so viele Menschen, Themen und Aufgaben an einem zehren. Letztens bin ich aber mal wirklich abgetaucht. Und es war fantastisch. Dank ganz wunderbare Menschen sind wir in den Münchner Untergrund.

Das war Perspektivenwechsel in Real Life sozusagen. Einstieg war in der Türkenstraße/Ecke Akademiestraße. Der Zugang zur Münchner Kanalisation öffnete sich und damit all die Geschichten, die sich direkt unter München abspielen. Oben wird gekocht, geduscht und gewaschen – unten wird das Wasser durchgespült bis zum Klärwerk. Drückt ein Münchner die Klospülung, hört man das im Kanal. Faszinierend, aber auch leicht komisch. Kopfkino. Das Netz aus Rohren ist so genial, wie verzweigt und hat sich seit dem Bau vor über 150 Jahren kaum verändert. Max von Pettenkofer hat gute Arbeit geleistet, als er sich an die Planung des Mammut-Projektes setze. Bis heute bestehen die ehemals errichteten Bauten direkt unter der heutigen Alpenmetropole und sind nicht mehr wegzudenken. Sie transportieren nicht nur die hygienischen Überschüsse der Bürger, sondern auch das Regen- oder das Schmelzwasser nach dem Winter.

Ohne die über 2.400 Kilometer langen Kanäle wäre München nicht nur dreckig, sondern auch ganz schön mufflig. Wir müssten aufpassen, dass nicht von oben der Stuhlgang runterfällt oder die Schuhe in allerlei „Sch…“ steckt. Auch gerade die zahlreichen Hochwasserbecken schützen uns heute vor den großen Überschwemmungen. So groß wie eine Kathedrale ist beispielsweise das Rückhaltebecken unter dem Olympiapark. Über 200 Mitarbeiter der Stadtentwässerung halten das über Generationen gewachsene Bauwerk in Schuss. Die „Kanaler“ spülen und reinigen nicht nur die Kanäle, sondern regeln auch die Schieber, damit das Wasser auch am richtigen Klärwerk ankommt. Ganz schön kompliziert – diese unterirdische Autobahn. Wenn es schwierig wird, müssen sie auch mal tauchen. Aber dann Nase und Mund zuhalten und durch. Denn gerade das verschmutzte Wasser kann gesundheitlich richtig gefährlich werden. Daher: nicht schlucken!

Bei hohem Staatsbesuch werden auch mal alle Schachtdeckel – auch Gullideckel genannt – verschweißt. Das sind die runden Gußdeckel in der Mitte der Straße. Sie dienen zur Entlüftung und sind mehrere Tonnen schwer, so dass die LKW´s sie beim Vorbeifahren nicht herausheben. Gerade zur Münchner Sicherheitskonferenz hat die Stadtentwässerung daher viel Arbeit, um all die Deckel dicht zu bekommen. Im Nachgang müssen diese natürlich, aus Sicherheitsgründen, wieder geöffnet werden. Die Arbeit kann finanziell schon mal in die Millionen gehen. Niemand ist damit glücklich, aber der Sicherheit zur Liebe, scheint es wohl sinnvoll. Denn sollte einem Kanaler in der Unterwelt etwas passieren, muss er über die Schachtdeckel geborgen werden. Und da zählt dann jede Minute. Also das nächste Mal nicht sauer sein, wenn man mit dem Auto im Stau steht, weil Kanalarbeiten anstehen. Vielleicht wird gerade einem Mitarbeiter das Leben gerettet.

Einfach mal Perspektiven wechseln. Sich in den Untergrund denken und die Welt auf den Kopf drehen. Münchens Unterwelt ist so vielfältig, wie das Treiben oberhalb. Und nur weil man es nicht sieht, heißt es nicht, dass es nicht da ist. In diesem Sinne: immer die Augen offen halten und vielleicht ab und zu mal abtauchen!

Großen Dank an Tobi und Daniel für die Unterwelt-Tour-Organisation und alle, die ich vergessen habe 🙂

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