über den horizont
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Schizophren in Athen

Manchmal reicht es nicht aus alles zu geben. Zu kämpfen. Manchmal reicht es nicht aus, auch wenn du alles gibst. Du strauchelst. Auch wenn du es dir eigentlich nicht leisten kannst, mit dem Rücken zur Wand stehst.

So strauchelt diese zauberhafte Stadt. Mir rinnt eine Träne herunter beim Gedanken. Beim Gedanken, dass die alte Dame mit ihren vielen Geschichten und Facetten strauchelt. In Deutschland sagen sie, die Griechen hätten es nicht hart genug versucht. Mit Fleiß und Mut würde man es schaffen. Es sei nur eine Frage des Willens. Doch wenn du einmal strauchelst und im Fall noch die Verlassenen aufnimmst, Flüchtlinge und Suchende beherbergst, dann kannst du es noch so hart versucht haben. Der Fall ist da.

Nun fällt die Stadt schon seit 2011. Ja das Leben war sehr süß und die Genüsse fein, als der Stoß kam. Manch einer hat sich hinter dem Staat versteckt, die Felle in Sicherheit gebracht und lebt auch jetzt noch sehr gut. Die Jugendlichen stoßen mit Champagner auf ihren Yachten in Piräus an. Kein Gedanke an ein schweres Leben in der Brust. Das Leben beschützt sie, die Gründe verschwommen. Es ist makaber, denn im gleichen Atemzug kämpfen ein paar Straßen weiter die Menschen von Tag zu Tag mit der Hoffnung auf bessere Zeiten. Nur zu verständlich ist der Groll gegen die eigenen Leute. Nicht die Hand zu reichen, wäre schon schmerzhaft, aber das bewusste ignorieren der Situation einer reichen Schicht, bringt den Groll. Die einen verharren in einer Trance, einem Zustand der Schwebe – nichts geht vor, nichts zurück. Die anderen leben einfach, leben sich die Sorgen weg.

Glück und Leid so nah beieinander in Athen zu erleben, zerreißt einem fast die Brust. Es ist schwer in Gedanken und in Worte zu fassen, wie sich diese Schizophrenie anfühlt. Zerrissenheit. Stillstand. Der Versuch alles zu geben und doch auf der Stelle stehen. So fühlt sich Athen an. Vielleicht nicht die beste Beschreibung für einen Reiseführer, aber die ehrlichste, die ich über die zauberhafte, griechische Dame geben kann. Man schlendert die Straße naiv entlang und sieht die Zukunft, Menschen die arbeiten, sich helfen. Nur einen Schritt weiter leere Auslagen, als hätte man gerade erst in Eile den Ort verlassen. Wie eingefroren wirken die Geschäfte, wartend auf bessere Tage. Wenn die Dunkelheit ihren Schleier über die Straßenzüge legt, leuchtet das Elend der Welt im Stillen auf. Einsame, die sich mit Regenwasser in der Gosse waschen und ihren Durst stillen. Mit der Plastikflasche die Tropfen aus der Rinne fischen. Die Drogen ihren Weg in die Venen finden und die Bewohner der stillen Welt zu Zombies macht. Lebend und doch tot. Mir rinnt eine Träne herunter in Gedanken.

Und doch gibt es auch Freudentränen. Wenn am Markt die Griechen mich als einen der ihren erkennen. Die schönsten Seiten der Stadt zeigen wollen. Die kleinen Ecken mit Leben füllen und mit aller Macht versuchen zu Gefallen. Das Feuer der Athener ist zu erkennen. Es lodert schwach im Verborgenen, aber es ist noch da. Es wartet nur darauf Athen wieder zu entfachen. Alle mitzureißen und das Leben zu feiern. Und ich werde da sein und sie feiern. Aber die Zeit ist noch nicht reif. Schizophren in Athen.

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